Das politeuma: Ursprung, Funktion und Definition einer ptolemäischen Organisationsform zur Integration von Minderheiten

APART [Austrian Programme for Advanced Research and Technology der Österreichischen Akademie der Wissenschaften]

Projektleiter/Mitarbeiter:

Mag. Dr. Patrick Sänger

Projektlaufzeit:

01.03. 2013–30.06.2016

Zur Integration von Minderheiten gab es in der hellenistischen Staatenwelt (3.–1. Jahrhundert v. Chr.) eine Organisationsform, die als „politeuma“ („Gemeinwesen“) bezeichnet wurde. Bis auf zwei Ausnahmen ist sie bislang nur für Ägypten belegt. Die Mitglieder eines politeuma firmierten für gewöhnlich unter einem Ethnikon, das die Zugehörigkeit zu einer fremdländischen (nicht ägyptischen) Volksgruppe anzeigte. Belegt ist z.B. ein politeuma der Boioter, Kilikier, Kreter, Idumäer oder der Juden. Der Ursprung dieser Gemeinschaften dürfte in Söldnertruppen liegen, die als ethnische Kontingente in Garnisonen an strategisch bedeutsamen Punkten des Landes angesiedelt wurden. Demnach war ein politeuma kein Auffangbecken für bedürftige Flüchtlinge, sondern fungierte als eine Organisationsform von Personen, die im Dienst des Königs standen und denen daher ein gehobener Status innerhalb der Gesellschaftspyramide zukam.
Das Wesen eines politeuma wird in der Forschung traditionell kontrovers diskutiert, was vor allem mit der schlechten Überlieferungslage zusammenhängt. Seitdem aber im Jahr 2001 mehrere Papyri veröffentlicht wurden, die ein politeuma von Juden in der mittelägyptischen Bezirkshauptstadt Herakleopolis dokumentieren, lassen sich Funktionsweise und Aufgabenbereiche dieser Organisationsform einigermaßen deutlich erkennen. Dennoch hat man sich nach dem Bekanntwerden der Papyri hauptsächlich darauf konzentriert, die Bedeutung des in Herakleopolis vorzufindenden politeuma für das ägyptische Judentum zu untersuchen. Was erstaunlicherweise ausblieb, ist eine vom jüdischen politeuma ausgehende systematische Studie zu dem Phänomen „politeuma“ als Ausdruck einer gezielten hellenistischen Integrationspolitik.
Ziel der geplanten Studie ist es daher, die Organisationsform politeuma erstmals einer eingehenden historischen Analyse zu unterziehen. Durch die genaue Auswertung und historische Einordnung der relevanten Quellen sowie den Einsatz komparativer Betrachtungsweisen (z.B. bezüglich der Gerichtsbarkeit) soll gezeigt werden, daß ein politeuma eine von der Regierung offiziell anerkannte, ethnisch definierte Körperschaft war. Ihre Mitglieder bildeten innerhalb eines bestehenden urbanen Siedlungsverbandes eine semiautonome Gemeinde und konnten unter anderem durch die Ausübung ihres eigenen Kultes ihre Identität bewahren. Die Beschäftigung mit den politeumata eröffnet somit die Möglichkeit, anhand eines konkreten Beispieles zu beobachten, wie ein antiker Staat auf Migration reagierte bzw. welche integrativen Maßnahmen er entwickelte.
Ein Teilergebnis der Untersuchung wird sein, daß die politeumata nur mit dem ptolemäischen Königreich zu verknüpfen sind, was bislang nicht erkannt wurde. Bei besagter Organisationsform dürfte es sich also um ein einzigartiges und durchdachtes, administratives Mittel der Ptolemäer handeln, eine — wenn auch auf gehobene hellenisierte Bevölkerungsgruppen beschränkte — Integrationspolitik zu betreiben. Diese drückt sich auf zweierlei Weisen aus: Durch die Erhebung einer ethnischen Minderheit zu einem politeuma erkannten die Ptolemäer zum einen die rechtliche und kultische Eigenart dieser Personengruppe offiziell an, sanktionierten die Kompetenzen ihrer leitenden Funktionäre und machten die Gemeinschaft infolgedessen zu einem institutionalisierten Teil des Königreiches, der — ähnlich einer Polis — selbst Verantwortung für sich trug und deswegen vielleicht auch als Kollektiv in direkte Verbindung mit der Regierung treten konnte. Zum anderen bewirkte diese Maßnahme, daß das Viertel, in dem die Mitglieder der betreffenden Minderheit wohnhaft waren und den dominierenden Teil der Bevölkerung stellten, offiziell zu „ihrem“ Viertel wurde. Von außen betrachtet waren sie nunmehr keine Fremden oder Immigranten mehr, sondern konnten als einheimische „Bürger“ angesehen werden. Dadurch wurde erreicht, daß sie in gewisser Weise an ihren Wohnort, der in allen Fällen eine urbane Siedlung war, gebunden wurden, wodurch wiederum die Regierung größere Sicherheit hatte, auch weiterhin auf die Dienste der jeweiligen Personengruppe — wahrscheinlich hauptsächlich im Bereich des Militärs — bauen zu können. In dieser Hinsicht war die ptolemäische Integrationspolitik für beide Seiten von Nutzen: für die Regierung und für die Minderheit.
Diese Arbeitshypothese bildet den Kern des Forschungsvorhabens. Sie gilt es Schritt für Schritt ausführlich darzulegen und die mit der Fragestellung verbundenen Phänomene von allen Seiten zu beleuchten. Der Grundgedanke liegt darin, die politeumata sowohl als Folge von Migrationsprozessen im Hellenismus als auch der sich daraus ergebenden realpolitischen Konsequenzen darzustellen. Dadurch erhalten wir einen gezielten Einblick, wie die Ptolemäer die sozialen Herausforderungen ihrer Zeit meisterten. Im Kontext von Migrations- und Integrationsprozessen leistet die Beschäftigung mit den ptolemäischen politeumata also einen wertvollen Beitrag zur hellenistischen Sozial- und Verwaltungsgeschichte. Zudem vermag sie ein aufschlußreiches Streiflicht auf die Städtepolitik der Ptolemäer zu werfen.