Der Kerameikos und der nordwestliche Teil der Stadt Athen

Projektleitung:

Mag. Dr. Claudia Ruggeri

Mitarbeiter:

Mag. Ilja Steffelbauer

Projektlaufzeit:

01.06.2008 bis 31.12.2010

Projektnummer:

P 20516

Inhalt

Über 1000 Zeugnisse in antiken Autoren und attischen Inschriften über den „Kerameikos“ genannten Stadtteil NW-Athens wurden von P. Siewert über mehrere Jahre hinweg gesammelt; sie sollen im Rahmen dieses Projektes durch Text, Übersetzung und Kommentar erklärt und für Topogaphie und Bauwerke, für Wirtschaft, Kulte und Stadtgeschichte ausgewertet werden, um ein umfassendes Bild vom antiken Aussehen und Leben dieses ungewöhnlichen Stadtviertels zu gewinnen.   Die Fülle der antiken Nachrichten ergab sich aus der großen Bedeutung des Kerameikosgebietes: die Agora, das politische Zentrum des demokratischen Athen, grenzte unmittelbar daran an; die Hauptverkehrsstraße der Stadt zum Piräus und zum übrigen Griechenland und die Prozessionswege der Panathenäen, Eleusinien und Mysterien durchzogen den Kerameikos; der Staatsfriedhof für Kriegsgefallene und verdiente Staatsmänner befand sich dort, ebenso die Lehrstätten Epikurs, während die Philosophenschule Platons in der Akademie und der Stoa in der Agora an seinen Rändern lagen.   Heute befinden sich in diesem Bereich die beiden Ausgrabungen, die seit langem maßgeblich die archäologische Erforschung Athens prägen: die amerikanische „Agora-Grabung“ und die deutsche „Kerameikos-Grabung“. Das Werk von R. E. Wycherley „The Athenian Agora Vol. III. Literary and Epigraphical Testimonia“ (1957), soll durch dieses Projekt, das  topographisch an den Nordwestrand der Agora anschließt, ergänzt werden. Die Schriftzeugnisse über den Kerameikos dienen jedoch nicht nur der Interpretation der reichen Funde, die diese Grabungen und unlängst auch der Bau der U-Bahn erbrachten, und der Verfeinerung unserer topographischen Kenntnisse, sondern sollen auch die Vorgänge, Ereignisse und Tätigkeiten im Kerameikos beleuchten, wie Handwerk (besonders Töpfer), Verkehr, Feste, Prozessionen, philosophischen Unterricht, aber auch Gastronomie, Badebetrieb, Prostitution u.a. Deshalb werden die Schriftzeugnisse nicht nur nach Informationen über Topographie und Bauten befragt, sondern es sollen auch die Angaben über Tätigkeiten und Vorgänge im Kerameikos systematisch als Quellen für die Erforschung von Wirtschaft, Gesellschaft, Religion und Stadtentwicklung analysiert werden.


Methode und Ziel

Das Projekt hat als Ziel die Publikation von mehreren Teilbänden zu den Bereichen Innerer, Deutscher (Dipylon Gebiet) und Äußerer Kerameikos. Das Hauptordnungsprinzip der Bände sind die Objekte (Bauten, Monumente, Plätze) und Vorgänge (Kulte, Handel und Gewerbe, Prostitution) sowie historische Ereignisse. Die einzelnen Gegenstände wiederum sind in Sachgruppen (z.B.: Heiligtümer, Öffentliche Bauten, Statuen) zusammengefasst. Die Testimonien zum selben Objekt, Vorgang oder Ereignis sind jeweils chronologisch angeordnet. Bei den literarischen Testimonien wurde speziell darauf geachtet, zwischen der Abfassungszeit des Textes und der bisweilen nicht identischen Bezugszeit der Schilderung zu unterscheiden. So sprechen z. B. byzantinische Autoren über Gründungen von Heiligtümern in mythischer Vorzeit, was im Unterschied zu Inschriften quellenkritische Überlegungen erfordert. In gleicher Weise wurde bei den Inschriften zwischen dem Fundort und dem ursprünglichen Aufstellungsort unterschieden. Jedes Testimonium wird im Original und in Übersetzung vorgelegt und wenn nötig knapp kommentiert. Jeder Gegenstand ist mit einer kurzen zusammenfassenden Einleitung versehen, welche auf grundlegende Literatur und Bezüge zu anderen Gegenstände hinweist und eine Zusammenschau aller Testimonien bietet. Die chronologische Anordnung, insbesondere die synchrone Nebeneinanderstellung zeitgleicher literarischer und inschriftlicher Zeugnisse, wird ein wesentlich vollständigeres Bild vom Leben im Kerameikos schaffen. Der chronologische Aufbau ermöglicht zugleich, die soziale und urbanistische Entwicklung eines athenischen Stadtviertels von der archaischen Zeit bis in die Spätantike zu verfolgen.


Finanzierung und Ablauf

Dieses Projekt wird aus Mitteln des FWF - Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung - finanziert. Es findet unter der Leitung von Prof. Peter Siewert mit zwei MitarbeiterInnen am Wiener Institut statt. Projektbeginn war April 2004. Im Rahmen des Projektes wurde 2005 ein Aufenthalt in Athen unternommen, um das Gelände und bestimmte Objekte in Autopsie zu studieren sowie um mit den interessierten archäologischen Stellen in Kontakt zu treten und sich auszutauschen. In diesem Zusammenhang wurden das Projekt bei einem Vortrag im ÖAI vorgestellt und erste Ergebnisse präsentiert. Mehrere Artikel werden neben der beschriebenen Publikation der Testiminiensammlung selbst als Ergebnisse der Arbeit an dem Projekt von den Mitarbeitern veröffentlicht werden. Gegenwärtig ist der erste Teil (Die Testimonien zum Inneren Kerameikos) druckfertig und wird voraussichtlich im kommenden Jahr als Tyche-Supplement erscheinen. Zur Zeit werden die Testimonien des deutschen Grabungsgebietes am Dipylon bearbeitet.