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Sammeln und Graben für Herrscher und Vaterland - Archäologie, Antiquarianismus und Altertumskunde in der Habsburgermonarchie um 1800


DOC [Doktorand(inn)enprogramm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften]

Projektnummer: 24121

 

Projektleiter: Prof. Fritz Mitthof
Mitarbeiterin: Mag. Daniela Haarmann
Laufzeit: 01.02.2015-31.01.2018

 

 Um 1800 erfuhren in ganz Europa die jahrhundertalten Traditionen der Rezeption und des Studiums der griechisch-römischen Antike Brüche, welche den Weg zur Institutionalisierung der Altertumswissenschaften ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ebneten. Die geistigen Voraussetzungen des 18. Jahrhunderts führten einerseits zu einer neuen Sammlungssystematisierung, die ikonoklastischen Erfahrungen der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege schufen andererseits ein Bewusstsein für den Schutz von Denkmälern und Kulturgütern. Die aufkommenden modernen Nationalbewegungen erkannten ferner die vaterländische, nicht-griechische und nicht-römische Antike als eine Ausdrucksmöglichkeit der historischen Legitimation ihres Volkes.

Diese Entwicklungen fanden Widerklang in der Gründung von proto-musealen Landes- und Nationalsammlungen in der Habsburgermonarchie um 1800. Diese sind dabei nicht nur als Verherrlichung vaterländischer Größe zu verstehen, sondern auch als wissensproduzierende Räume, die einen wesentlichen Beitrag für die spätere Institutionalisierung der Altertumswissenschaften leisteten. Der Begriff der prae-institutionellen Altertumswissenschaften wird hier in die drei Termini der Archäologie, des Antiquarianismus und der Altertumskunde unterteilt und simplifiziert verstanden als ein Graben, Sammeln und Erkunden von Münzen und Antiken. Ausgeführt wurden diese drei noch nicht verwissenschaftlichten Disziplinen durch die Antiquare: Privat agierende Amateure oder im vor-institutionellen Raum arbeitende Gelehrte.

Die Dissertation untersucht diese Prozesse, ihre prae-institutionellen Räume und Akteure in der Habsburgermonarchie um 1800 im exemplarischen Vergleich dreier Antikensammlungen:

  • Das k. k. Münz- und Antikenkabinett Wien, 1798 unter seinem Leiter, dem Numismatiker und ehemaligen Augustinerchorherren Franz de Paula Neumann (1744-1816), vereinigt und durch ihn sowie durch seinen Nachfolger Anton Steinbüchel (1790-1883) wesentlich erweitert.

  • Die Antikensammlung von Ferenc Széchényi im Museum Hungaricum Pest, 1802 unter der Protektion von Palatin Joseph errichtet.

  • Die Münz- und Antikensammlung im Joanneum Graz, 1811 auf Antreiben Erzherzog Johanns gegründet und unter der Leitung des steirischen Landeshistorikers Josef Wartinger (1773-1861) aufgebaut.

Dieser komparative Ansatz orientiert sich dabei an drei Leitaspekten bzw. -fragen:

  1. Wissenschaftsgeschichte: Wie ist die erste prae-institutionelle Phase von Archäologie, Antiquarianismus und Altertumskunde in der Habsburgermonarchie unter Berücksichtigung eines europäischen Vergleichs zu charakterisieren?

  2. Motive der Antikenrezeption: Wie wurde die Antike für die Etablierung von monarchischen wie nationalen Mythen und Idealen nutzbar gemacht?

  3. Proto-wissenschaftliche Antikenrezeption: Welchen Beitrag leistete die frühe Altertumswissenschaft um 1800 für die monarchische bzw. nationale Antikenrezeption?

Auch die Ziele dieser Dissertation orientieren sich an diesen drei Leitaspekten. So ist das erste Ziel die wissenschaftshistorische Herausarbeitung eines Status Quo der frühen Altertumswissenschaften um 1800 in seinen Untersuchungsmethoden, Fragestellungen, den agierenden Personen und ihren Netzwerken sowie den Publikationsorganen. Besonders soll hier auch die Beziehungen zwischen den Sammlungen, ihren Verwalter und Protektoren in Hinblick auf mögliche Konflikte ob der widersprüchlichen Intentionen dieser Sammlungen (Verherrlichung monarchischer versus nationaler Größe) rekonstruiert werden. Das zweite Ziel möchte die Motive der monarchischen wie nationalen Antikenrezeption darstellen, um schließlich – mittels der Zusammenführung der Ergebnisse der ersten beiden Aspekte – den proto-wissenschaftlichen Einfluss der Altertumswissenschaften auf diese Motive zu analysieren. Durch die Verbindung der Ansätze der Wissenschaftsgeschichte und der Nationalismusforschung, soll am Ende der Dissertation ein klares Bild über die Nutzbarmachung der Proto-Altertumswissenschaften durch die monarchischen wie nationalen Interessen sowie über deren gegenseitige Beeinflussung stehen.

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