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Preisträgerin des Grete-Mostny-Dissertationspreises 2015

Preisträgerin des Doc.Award 2015

Das spätantike Notariat Kanzleipraxis des 4.-8. Jahrhunderts n. u. Z.
am Beispiel Arsinoites (Mittelägypten)


Mag. Sophie Kovarik


Betreuer: Univ.-Prof. Dr. Fritz Mitthof

Im antiken Privatrechtsverkehr kommt es im Laufe der Spätantike zu einer umwälzenden Neuorientierung. Die amtliche und öffentliche Registrierung von Rechtsurkunden, wie sie im römischen Staatsnotariat üblich war, verschwindet. Grundform der notariellen Dokumentation wird stattdessen die subjektiv stilisierte Tabellionenurkunde, welche durch die Unterschrift des Notars (lat. tabellio) Beweiskraft erhält. In der bisherigen Forschung wurden vor allem die juristischen Aspekte dieser Thematik behandelt, weitgehend ausgeklammert wurde jedoch die tatsächliche Kanzleipraxis der spätantiken Notare.

Ausgangspunkt der Arbeit sind daher die materiellen Hinterlassenschaften aus dem spätantiken Mittelägypten, genauer die notariellen Urkunden des Arsinoites, da die Masse an Dokumenten, die durch das trockene Klima Ägyptens bis heute erhalten geblieben ist, eine geographische Eingrenzung notwendig machte. Diese Urkunden verdanken wir zum Großteil dem sogenannten Εrsten Fayumer Fund Ende des 19. Jahrhunderts, als ägyptische Bauern auf der Suche nach fruchtbarer Erde auf die Abfallprodukte der antiken Siedlungen im Fayum stießen und diese infolge über den Antikenmarkt in Kairo nach Europa gelangten, wo sie heute zum überwiegenden Teil in den Papyrussammlungen von Wien, Berlin und Paris aufbewahrt werden.

Basis für die Fragestellung ist eine Quellensammlung von über 1000 spätantiken Urkunden, die Hälfte davon mit Notarsunterschrift und zu einer nicht geringen Zahl (ca. 250 Urkunden) noch unveröffentlicht, die eine umfangreiche Materialrecherche (auch unter unpubliziertem Material in Sammlungsmagazinen) zu Tage gefördert hat.

Diese wurden auch in Gegenüberstellung mit den Bestimmungen der justinianischen Gesetzgebung betrachtet – wobei sich zeigt, dass diese nicht normativ, sondern deskriptiv sind und auch nur gewisse Aspekte behandeln –, doch sollten vor allem Urkundserrichtung und die daran beteiligten Personen, Ausbildung, Arbeitsweise und Organisation des Notariats im Vordergrund stehen und speziell auch den diplomatischen Qualitäten dieser einzigartigen Primärquelle, wie Format, Schrift und Formular sowie der Ausgestaltung der Notarsunterschrift und der Verwendung verschiedener Ausstellungsvermerke, Paraphen und Zeichen gebührend Rechnung getragen werden.

Kaum etwas ist bekannt über die Einführung des Notariats und der ihr zugehörigen Tabellionenurkunde. Die interne Chronologie des arsinoitischen Notariats kennt eine schleppende Anfangsphase (4. bis frühes 5. Jahrhundert), eine Phase der Konsolidierung ab dem Ende des 5. Jahrhunderts, in welcher sich spätere Charakteristika etablieren und auch infrastrukturell verankert werden und lässt keinen deutlichen Bruch nach der arabischen Eroberung erkennen, sondern bezeugt es vielmehr als lebendig bis mindestens zum Ende des 7. Jh.

Die Kanzleien von Arsinoe sind fest in den Händen von Familienbetrieben, deren Ausbreitung sich im Laufe der Zeit über mehrere Generationen hinweg (mitunter für bis zu 200 Jahre) beobachten lässt. Anhand der Verwendung gemeinsamer Traditionen in den Notarsunterschriften in Form von Zeichen oder Patronymen können mehrere verzweigte Familienstränge verfolgt werden, die zum Teil über Graugrenzen hinweg sich bis in den benachbarten Herakleopolites erstrecken. Als Nebenprodukt ergab sich damit eine Prosopographie der arsinoitischen Notare, deren Evidenz in einem abschließenden Katalog angeführt wird. Analog zu den Notaren tritt im Arsinoites zudem ein professionalisiertes Schreibervertretertum (für Analphabeten) entgegen.

Das Ende des 5. Jh. stellt für verschiedene Aspekte eine Zäsur dar: für Format, Formular sowie die endgültige Ausgestaltung von Präskript, Grußformel und Notarsunterschrift. Auch andere Beobachtungen chronologischer Natur scheinen eine zeitliche Einordnung der meisten Urkunden möglich zu machen, selbst wenn die Datierung verloren ist.

In Abgrenzung zu den anderen mittelägyptischen Gauen Herakleopolites und Oxyrhynchites finden sich sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten (speziell die Verwendung lateinischer Buchstaben in der Notarsunterschrift). Dabei zeigt sich immer wieder eindrucksvoll ein stark ausgeprägter Regionalismus des ägyptischen Urkundsmaterials, der aber vielleicht auch durch die Traditionen einzelner bestimmter Kanzleien bedingt ist, wie die bereits erwähnten gauüberspannenden Familienbetriebe zeigen. 

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