Zwischen zwei Welten. Griechische Papyri aus dem früharabischen Ägypten

Projektnummer: P 30967 Einzelprojekte

ProjektleiterI: Federico MORELLI

Laufzeit: 01.05.2018 - 30.04.2021

639 dringt eine von Commandeur Amr ibn al-As angeführte arabische Armee in Ägypten ein und erobert innerhalb von zwei Jahren das gesamte Land. Ab diesem Zeitpunkt folgt Ägypten dem Schicksal der anderen südlichen und östlichen Gebiete des Mittelmeerraumes und wird zu einem Teil des neu gebildeten arabischen Reiches. Der Übergang zum neuen politischen, sozialen, religiösen und kulturellen System erfolgt jedoch über einen längeren Zeitraum. Lange bleibt das Christentum die Religion der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung und die griechisch-koptische Kultur — in weiterem Sinne — ist nach wie vor die vorherrschende. Griechisch und, besonders in bestimmten Bereichen, Koptisch, bleiben weiterhin die am häufigsten geschriebenen Sprachen für einen Zeitraum, der weit über das Datum der Eroberung hinausgeht. Aus den ersten eineinhalb Jahrhunderten der arabischen Herrschaft ist eine große Anzahl an griechischen Texten auf Papyrus erhalten. An solchen Texten ist die Wiener Papyrussammlung, mehr als viele andere Sammlungen, besonders reich.
Meist handelt es sich um Dokumente der öffentlichen Verwaltung, wie Briefe, Anweisungen und Mitteilungen, Verwaltungs- und Steuerabrechnungen, Listen usw. Die Texte veranschaulichen wie keine andere Quelle, wie die Araber mit der früheren und noch lebendigen byzantinischen Verwaltung umgehen sowie ihre Haltung gegenüber der ägyptischen Bevölkerung. Vor allem aber zeigen sie, wie die byzantinische Verwaltung und die Bevölkerung mit den Neuankömmlingen zusammenarbeiten, zusammenleben und interagieren und wie diese Interaktion einer neuen institutionellen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Realität Gestalt verleiht.
Diese Originaldokumente sind historisch äußerst relevant: Als einzige direkte Zeugnisse aus der Zeit der großen arabischen Ausbreitung sind sie von grundlegender Bedeutung für unser Verständnis der Umwandlung der östlichen und südlichen Teile der antiken/christlichen Welt in islamisch/arabische Gebiete. Sie spiegeln den Standpunkt der Untertanen wider, oft auf einer Ebene und in einem kulturellen Umfeld, die sich sehr von denen unterscheiden, die die erhaltenen historiographischen Quellen hervorgebracht haben. Somit ergänzen und korrigieren sie das oft einseitige Bild, das wir aus der späteren Geschichtsschreibung haben.
Von diesen Texten ist bisher nur ein relativ kleiner Teil veröffentlicht worden, während die meisten noch unzugänglich, unveröffentlicht und in den meisten Fällen auch nicht katalogisiert sind. Das Projekt zielt darauf ab, durch die Veröffentlichung eines Bandes von Wiener Papyri aus dieser Zeit — mit Transkription, Übersetzung, Kommentar und historischer Einordnung — einen substanziellen Teil dieses Materials für die historische Forschung zugänglich zu machen und zu einem besseren und fundierteren Verständnis dieser historischen Phase und ihrer lang anhaltenden Konsequenzen beizutragen.