Lateinische Epigraphik


Lateinische Epigraphik als Spezialdisziplin der Altertumswissenschaften

Die Lateinische Epigraphik ist eine quellenbasierte Spezialdisziplin der Altertumswissenschaften, die sich mit direkt überlieferten, d.h. primären Textzeugnissen in lateinischer Sprache aus dem gesamten Bereich des Römischen Reiches bzw. der Alten Welt (Mittelmeerraum und benachbarte Zonen) befasst, vom Einsetzen der Schriftlichkeit im frühen Rom (älteste Zeugnisse aus dem 7./6. Jh. v. Chr.) bis zum Übergang der Spätantike zum Mittelalter (7. Jh. n. Chr.). Es sind derzeit grob geschätzt 750.000 lateinische Inschriften von den Britischen Inseln und der Straße von Gibraltar im Westen über Rhein, Donau und Schwarzmeerraum bzw. Nordafrika (nördlich der Sahara) bis an Euphrat und Nil im Osten bekannt und wissenschaftlich bearbeitet. Jährlich kommen aufgrund archäologischer Funde mehrere tausend neue Texte hinzu.

Allgegenwart von Inschriften im öffentlichen Raum

Die Allgegenwart von Inschriften unterschiedlichster Gattungen auf dauerhaften Schriftträgern wie Stein oder Bronze war in der römischen Kaiserzeit ein grundlegender Bestandteil des öffentlichen Lebens. Die Städte des Imperium Romanum boten in vielfältiger Weise Raum für die inschriftengestützte Kommunikation zwischen Herrscher, Herrschaftsapparat, Reichselite, örtlicher Elite und Unterschichten: zunächst auf dem forum, dem zentralen Platz und Ort offizieller Verlautbarungen ebenso wie der Ehrung herausragender Persönlichkeiten, sodann in den öffentlichen Gebäuden, Tempeln, Kultstätten und Privathäusern der Vornehmen, die mit Bau-, Weih- und Ehreninschriften geschmückt waren, sowie in den Nekropolen, die sich vor den Toren der Stadt entlang der Zufahrtstraßen hinzogen und zahllose Grabmonumente beherbergten – ganz abgesehen schließlich von den Graffiti und Dipinti, mit Griffel geritzten oder mit Pinsel gemalten Kurzmitteilungen jeden erdenklichen Genres, mit denen Bauwerke und Monumente überzogen waren. Diese enorme Masse an Texten, deren Urheber alle sozialen Schichten repräsentierten und deren Adressatenkreis je nach Inhalt, Kontext und Zugänglichkeit der jeweiligen Inschrift variierte, bewirkte einen dauernden Dialog zwischen den diversen Gesellschaftsgruppen. Inschriften entwickelten sich somit in der Kaiserzeit zum Medium par excellence für politisch-gesellschaftliche Diskurse zu Themen wie Herrschaftslegitimation, Definition und Hierarchisierung sozialer Gruppen, Funktion und Selbstrepräsentation der Eliten, Erinnerungskultur oder Identität.

Formen privater Schriftlichkeit

Neben dieser „monumentalen“, auf eine möglichst breite und nachhaltige Interaktion abzielenden Form von Schriftlichkeit bestand eine weitere, die den Zwecken der Verwaltung, des Rechts- und Geschäftslebens und der häuslich-privaten Sphäre gewidmet war und sich vergänglicher Beschreibstoffe wie Papyrus und Holztäfelchen und damit auch kursiver Schriften bediente.

Überlieferungschancen

Die erhaltenen und von der Forschung erschlossenen Reste dieser beiden Bereiche von Schriftlichkeit bieten uns selbstverständlich kein genaues Abbild der ursprünglichen Verhältnisse, da die Materialien, die in der Antike als Schriftträger dienten, in sehr unterschiedlichem Maße der natürlichen Zersetzung oder mutwilligen Zerstörung ausgesetzt waren, so etwa organische Stoffe wie Papyrus und Holz durch Verrottung, Metall durch Einschmelzen oder Marmor durch Kalkbrennerei. Verzerrt ist das Bild auch durch solche Faktoren wie die höchst unterschiedliche Intensität einerseits späterer Überbauung und andererseits der archäologischen Erforschung antiker Siedlungen. Dennoch eröffnen Inschriften als authentische Primärzeugnisse tiefe Einblicke in die antike Lebenswelt, und dabei vor allem in solche Bereiche, über die uns die übrigen Quellen kaum oder gar keine Auskunft geben. In der Gesamtschau betrachtet, d.h. nach Zusammenführung und Vergleich aller Einzeldaten, lassen sich aus den Inschriften grundlegende Erkenntnisse gewinnen, und nicht nur ihre Zahl, sondern auch ihre Bedeutung für die Erforschung der römischen Kaiserzeit nimmt von Jahr zu Jahr stetig zu.

Blütezeit der Inschriftenkultur Roms

Die Blütezeit der monumentalen Inschriftenkultur Roms lag zwischen dem späten 1. und frühen 3. Jh. n. Chr. Um die Mitte des 3. Jh. setzt ein dramatischer Wandel ein, als dessen primäre Ursache die allgemeine Reichskrise gelten darf. Zahlenmäßig ist ein extremer Schwund zu verzeichnen, und qualitativ sticht die geringe Sorgfalt in der Ausführung der epigraphischen Monumente ins Auge. Das Schriftbild erscheint nachlässig, und oftmals greift man nunmehr auf ältere Steinblöcke oder -platten zurück, um diese einer Zweitverwendung zuzuführen, wobei die Erstbeschriftung getilgt oder der neue Text auf der Rückseite des Monuments angebracht wird.

Schriftträger und Schreibtechnik

Als Schriftträger dienen vorwiegend Stein und Metall (besonders Bronze), daneben aber auch Holz. Sondergruppen bilden Kleininschriften auf Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs und der ökonomischen Produktion sowie ferner Inschriften an Hauswänden, auf Felsen und als Teil von Mosaiken. Je nach Beschaffenheit des Schriftträgers sind die Texte gemeißelt oder geritzt (vornehmlich mit dem Schreibgriffel = stilus), gelegentlich auch punziert. Hingegen sind Texte auf vergänglichen Schriftträgern (Papyrus, Holz) zumeist mit Schreibrohr (calamus) und Tinte geschrieben. Für manche Formen von Schriftträgern begegnen sowohl geritzte als auch mit Tinte geschriebene Texte, so etwa auf Ostraka (das sind Scherben unbrauchbarer bzw. entsorgter Gefäße, ein kostenloses, weil überall und jedermann frei verfügbares Schreibmaterial). Gelegentlich finden sich auch geritzte und mit Pinsel geschriebene bzw. gemalte Texte auf demselben Schrifträger, so bei manchen Wachstafeln (Rechtsurkunden in Form der Doppelurkunde innerem, mit geritztem Text in eingetieften, mit Wachs ausgegossenen Textfeldern sowie Vermerken in Tinte auf der Außenseite oder am Rand).

Textgattungen

Die von der Epigraphik behandelten Inschriften zerfallen hauptsächlich in sechs Gruppen: vorwiegend aus Stein sind Grabsteine (tituli sepulcrales), Ehreninschriften (tituli honorarii), Weihinschriften (tituli sacri) und Bauinschriften (tituli operis); vorwiegend aus Metall sind Gesetzes- und Rechtstexte (instrumentum publicum); daneben steht als zahlenmäßig größte Gruppe die Kleininschriften auf Gegenständen des täglichen Gebrauchs und der ökonomischen Produktion (instrumentum domesticum).

Editionstechnik und Methode

Schwesterdisziplinen: Epigraphik, Papyrologie und Numismatik

Der wesentlichste Unterschied zwischen Epigraphik und Papyrologie besteht darin, dass es die Epigraphik mit Majuskelschriften, die Papyrologie hingegen mit kursiven Schriften zu tun hat. Allerdings besteht eine gewisse Überschneidung in der Zuständigkeit der beiden Disziplinen, insofern Textfunde aus dem Westen des Römischen Reiches, selbst wenn sie in Tinte und kursiv geschrieben sind, dem Bereich der Epigraphik zugeordnet werden, Textfunde auf Holz etc. aus Ägypten und benachbarten Gebieten, selbst wenn sie nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem stilus geritzt sind, hingegen der Papyrologie. In der Regel sind Inschriften einzeln produzierte Textzeugnisse. Es gibt daneben aber auch als Sondergruppe seriell, d.h. mit einem Stempel, gefertigte Inschriften; in diesem Bereich besteht eine gewisse methodische Nähe zur Numismatik.