Objekt des Monats Jänner 2020

Carl Kundmanns kleine Gipsbüste des Philologen Hermann Bonitz

Gipsbüste des Philologen Hermann Bonitz (1814–1888) von Carl Kundmann (1838–1919)
Material: Gips
Maße: 24,5 × 19 × 11 cm (H × B × T)
Inv.-Nr.: S0007

Vor etlichen Jahren fand sich beim Ausräumen eines Kastens in einem ehemaligen Professorenzimmer des Instituts für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien - versteckt hinter allerlei über die Jahre angesammelten Büchern, Aktenordnern und Manuskripten - eine 24,5 cm hohe, 19 cm breite und 11 cm tiefe Gipsbüste. Wir hofften zwar, in diesem Kasten auch Hinweise auf die dargestellte Person bzw. Aufzeichnungen zum Erwerb bzw. zur Objektgeschichte dieses Fundstückes zu entdecken, doch vergebens. Wie das auf der Rückseite eingeschriebene "C. Kundmann" klar machte, musste es sich um ein Werk des bekannten österreichischen Bildhauers und Professors an der allgemeinen Bildhauerschule der Wiener Akademie der bildenden Künste, Carl Kundmann  (1838–1919), handeln. Bald war auch das Original der kleinen Büste identifiziert, das unweit des genannten Instituts im Oktogon in der südwestlichen Ecke des Arkadenhofes der Wiener Universität Teil des Thun-Exner-Bonitz-Denkmals (auch: Denkmal für Graf Leo Thun-Hohenstein) ist und den Philologen Hermann Bonitz  (1814–1888) darstellt. Um mehr über die Geschichte der Gipsbüste herauszufinden, insbesondere ob bzw. wie sie in die Entstehungsgeschichte des Thun-Hohenstein-Denkmals passt und wieso sie im Institut 'gelandet' ist, wurde die Geschichte dieses Denkmals anhand von Archivmaterialien penibel aufgearbeitet - vom Anlass über die ersten Ideen und Planungen bis hin zur Enthüllung des Denkmals.

Das Bild, das sich aus der Fülle dieser Quellen gewinnen ließ, war ein sehr dichtes. Unmittelbarer Anlass für dieses Denkmal waren die im Jahr 1888 erfolgten Todesfälle von zwei der drei großen Reformer der Universitäten und Gymnasien in der Habsburgermonarchie nach 1848, von Hermann Bonitz (gestorben am 25. Juli in Berlin) und Graf Leo Thun-Hohenstein  (1811–1888), des ehemaligen Ministers für Cultus und Unterricht (gestorben am 17. Dezember in Wien). Der dritte, Franz Serafin Exner  (1802–1853), war schon 1853 in Padua verstorben. Anfang Jänner 1899 konstituierte sich ein Denkmal-Komitee, das aus Vertretern der Universität Wien, des Unterrichtsministeriums, der Akademie der Wissenschaften, der Akademie der bildenden Künste sowie der österreichischen Gymnasien bestand. Aus diesem Kreis wurde ein kleineres 'artistisches Komitee' gebildet, dem der Bildhauer Caspar von Zumbusch  (1830–1915) und der Architekt Karl Köchlin  (1828–1894) als künstlerische Berater angehörten. Auf die Ausschreibung einer Konkurrenz verzichtete man und einigte sich auf Carl Kundmann als ausführenden Künstler. Dem Wunsch des Ministeriums entsprechend sollte das Denkmal aus einer Statue Thun-Hohensteins und zwei Büsten von Bonitz und Exner bestehen.

Ein Aufstellungsort war rasch gefunden, und der Bildhauer machte sich umgehend an erste Entwurfskizzen. Nach deren Besprechung in einer Sitzung des artistischen Komitees Ende Mai 1889 schritt er sogleich an Modellentwürfe des Standbildes und der beiden auf Hermen gesockelten Büsten, die er Ende 1889 vorlegte und für deren Ausführung er drei Jahre veranschlagte. Im März 1890 erhielt Kundmann den offiziellen Auftrag des Staates. Nach seinen detaillierten plastischen Modellen der Büsten und des Standbildes erfolgte mittels Punktieren in Laas im Südtiroler Vinschgau die Übertragung in Marmor, danach kamen die Skulpturen zur Reinbearbeitung in Kundmanns Wiener Atelier. Die feierliche Enthüllung des Denkmals wurde für den 24. Mai 1893 festgesetzt, zu welchem Zeitpunkt die 42. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Wien stattfand, die sich der Erörterung wissenschaftlicher Fragen ebenso widmete wie den Methoden des Unterrichts an Gymnasien und Universitäten. An die tausend Gelehrte waren dazu angemeldet, und so fand diese Denkmalsenthüllung nicht, wie sonst üblich, im überschaubaren akademischen Kreis Wiens statt, sondern war durch berühmte, internationale Vertreter der Wissenschaft und Schule ausgezeichnet, vor denen die Festredner auf die "neue Epoche des geistigen Lebens" hinwiesen, die durch die Reformen der drei Geehrten angebrochen war.

Unmittelbar danach fand in der Aula der Universität Wien eine weitere Enthüllung statt, nämlich die der Rektorentafeln, auf denen die Namen aller Rektoren seit der Gründung von 1365 bis 1892 verzeichnet waren. Dieser Programmpunkt zeigt, dass der 24. Mai 1893 von der Alma Mater Rudolphina als ein besonderer Tag aufgefasst wurde. Die beiden Denkmäler - die Rektorentafeln in der Aula und das Thun-Hohenstein-Denkmal im Arkadenhof - waren zwar nicht gemeinsam geplant worden, wurden nun aber bewusst aufeinander bezogen und unmittelbar aufeinanderfolgend enthüllt. Denn durch die Aufstellung der Rektorentafeln wurde das Geburtsjahr der 'alten' Wiener Universität und durch das Thun-Hohenstein-Denkmal der Beginn der nach den Bildungsreformen ab 1848 'neuen' Epoche der Universität gefeiert.

So verlockend es wäre, in der Gipsbüste von Hermann Bonitz eines der von Kundmann hergestellten Entwurfsmodelle zu sehen - sie ist keines, denn Messpunkte sind an ihr nicht auszumachen. Vielmehr sprechen das Kabinettformat und der Ölüberzug für eine verkleinerte Replik, die in einigen Exemplaren hergestellt wurde. Eine dieser Repliken findet sich auch im Nachlass des Wiener Epigraphikers Eugen Bormann  (1842–1917), der Mitglied des artistischen Komitees für das Thun-Hohenstein-Denkmal war. Im Jahr 2019 wurde die Büste einer Oberflächenreinigung unterzogen, die Optik beeinträchtigende Fehlstellen wurden dabei geschlossen und retuschiert. Das Foto zeigt die Büste vor der Restaurierung.

Weiterführende Literatur

SZEMETHY, Hubert D.: Das Thun-Exner-Bonitz-Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien – Zur Geschichte des Denkmals anhand von Archivmaterialien, in: Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa. Hrsg. von Ingeborg Schemper-Sparholz, Martin Engel, Andrea Mayr und Julia Rüdiger. Wien u.a. Böhlau 2017. (= Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 63/64), S. 87–102. (Online Exemplar)

Text: Ass.-Prof. Mag. Dr. Hubert D. Szemethy; Fotos: René Steyer, Fotostudio Pfluegl