Etruskische Spiegel in Österreich

Etruscan Mirrors in Austria (EtMirA)

Die etruskischen Spiegel stellen mit derzeit rund 3.000 bekannten Exemplaren eine der umfangsreichsten Objektgattungen innerhalb der etruskischen Kunst dar. Die Forschung ist sich seit langem ihrer Bedeutung bewusst, weshalb in Form des CORPUS SPECULORUM ETRUSCORUM (CSE) eine eigene internationale Publikationsreihe für diese antiken Objekte existiert.

Bisher ist eine Präsentation der etruskischen Spiegel in Österreich in dieser renommierten Reihe ausstehend.

Das vom FWF – Der Wissenschaftsfonds finanzierte Forschungsprojekt sieht eine detaillierte Untersuchung der in öffentlichen Sammlungen Österreichs verwahrten Spiegel vor, den Kern bilden hierbei die über 50 Exemplare im Kunsthistorischen Museum in Wien; Ziel ist die umfassende Aufarbeitung des Bestandes sowie die anschließende Publikation als Band ÖSTERREICH des CORPUS SPECULORUM ETRUSCORUM (CSE).

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit des Instituts für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien, der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Computer Vision Lab (CVL) der TU Wien.

Spiegel mit Griffzapfen, auf der Rückseite Darstellung mythologischer Figuren mit Namensbeischriften (Letun, Tinia, Uni), Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv.-Nr. VI 3384. Foto: KHM-Museumsverband

Spiegel mit Griffzapfen, auf der Rückseite vermutlich Darstellung des selten gezeigten Mythos von Idas, Marpessa und Apollon ‒ Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv.-Nr. VI 1696. Foto: KHM-Museumsverband

Die Produktion der etruskischen Spiegel (etr. malena/malstria) spannt sich von der zweiten Hälfte des 6. bis zum 2. Jh. v.Chr. und veranschaulicht in herausragender Weise die Kunstfertigkeit etruskischer Handwerksbetriebe in der Metallverarbeitung, zeigt aber auch, wie sich die Erzeugnisse in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten ihrer Herstellung zum Massenprodukt entwickelten.

In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um metallene (in der Regel bronzene) und mit Griffen versehene Scheiben, deren polierte Vorderseite als Spiegel diente, während die Rückseite häufig mit figürlichen Gravuren und/oder Ziselierungen verziert wurde. Ein Großteil dieser Griffspiegel zeigt auf der Rückseite figürliche Darstellungen in Linienzeichnung, die häufig Szenen aus der griechischen Mythologie wiedergeben. Diese können durch Beischriften in etruskischer Sprache ergänzt sein. Deutlich seltener sind Griffspiegel mit Reliefdekor auf der Rückseite (sog. Reliefspiegel), daneben existieren Klappspiegel mit Reliefapplik (nur ausnahmsweise mit graviertem Innenbild) und einfache Spiegelscheiben zur Befestigung auf Holzkästchen.

Insgesamt handelt es sich um charakteristische Objekte der etruskischen Kultur, deren Quellenwert, insbesondere aufgrund der Spiegelbilder auf der Rückseite, über das Einzelobjekt hinaus für kunst-, religions- und sozialgeschichtliche Aspekte der antiken etruskischen Kunst und Kultur sehr hoch ist.

Der Beginn der Erforschung der etruskischen Spiegel erfolgte bereits im Laufe des 19. Jhs., doch erst seit den 80-er Jahren des 20. Jhs. werden die in Museen oder vergleichbaren Sammlungen verwahrten Exemplare systematisch untersucht und in einer wissenschaftlichen Reihe, dem CORPUS SPECULORUM ETRUSCORUM (CSE), einheitlich unter der Schirmherrschaft des Istituto Nazionale di Studi Etruschi ed Italici publiziert. Die einzelnen Bände erscheinen in unregelmäßigen Abständen und sind nach Land und Museum geordnet; aktuell liegen 35 Bände vor, ein Band für Österreich fehlt indes.

Etruskische Spiegel in österreichischen Sammlungen

Ein Großteil der etruskischen Spiegel (Griff- und Klappspiegel) in österreichischen öffentlichen Sammlungen befindet sich in der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums Wien, darunter auch frühe Exemplare sowie solche mit Inschriften oder seltenen mythologischen Szenen; zum Teil handelt es sich um bisher unpublizierte Stücke. Darüber hinaus existieren Einzelstücke u. a. im Joanneum Graz, im Ferdinandeum Innsbruck und in kleineren Sammlungen in Niederösterreich.

Insgesamt liegen rund 60 in öffentlicher Hand verwahrte Exemplare vor, darunter befinden sich bereits − in allerdings nicht adäquater Form − publizierte Spiegel ebenso wie der Forschung gar nicht bekannte Exemplare.

Die österreichischen Sammlungen verwahren neben wenigen Spiegeln mit Griffzapfen (Abb. 1 und Abb. 2) vor allem die ab dem 4. Jh. v.Chr. produzierten Spiegel, bei denen der Bronzegriff in einem Stück mit der Scheibe gearbeitet ist (Abb. 3 und Abb. 4). Besonderes Augenmerk muss auf die ab der Mitte des 4. Jhs. v.Chr. in Etrurien produzierten und noch wenig erforschten Klappspiegel mit Reliefdekor gerichtet werden, von denen das Kunsthistorische Museum vermutlich mindestens acht Exemplare besitzt (z.B. Abb. 5).

Da es sich bei den österreichischen Beständen, deren Erwerbungsgeschichte zum Teil bis weit in die Habsburgerzeit zurückreicht, um keine gezielt angelegte Sammlung von Spiegeln handelt, ist eine als willkürlich zu bezeichnende Bandbreite an (in der Regel mythologischen) Motiven gegeben. Die vorhandenen Spiegel bieten inhaltlich jedoch einen guten Einblick in das Repertoire etruskischer Spiegeldarstellungen. Eine Besonderheit markiert der stark korrodierte Spiegel (Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv.-Nr. VI 1698) mit der durch Namensbeischriften versehenen mythologischen Darstellung von turms, perse und tarsu (ET² AV S.2); er stellt den einzigen Beleg für die mythologische Figur tarsu dar, deren Interpretation geklärt werden muss.

Eher nicht mythologisch zu interpretieren sind ein gravierter Griffspiegel der 1. Hälfte des 5. Jhs. v.Chr. mit zwei Athleten (Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv.-Nr. VI 1709) und ein Klappspiegel, dessen Relief einen Reiter mit Palmzweig zeigt (Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv.-Nr. VI 4671, Abb. 5). In diesem Zusammenhang wird auch das Thema der Zugehörigkeit der Spiegel zur weiblichen Sphäre anzusprechen sein.

Von besonderem Interesse sind die gelegentlichen Fundortangaben, die kritisch hinterfragt werden müssen. Am Beispiel des qualitätvollen Spiegels Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv.-Nr. VI 2627 aus dem frühen 5. Jh. v.Chr. mit Inschrift zeigt sich die Notwendigkeit detaillierter Recherchen: Dem im Kunsthistorischen Museum vorliegenden Inventareintrag aus dem Jahr 1886 zufolge wurde er „angeblich in Città del[la] Pieve gefunden“. Die Erstedition des Spiegels in den ES (V, 123 f., Taf. 97) gibt jedoch als (fraglichen) Fundort „Veji“ an, dem folgte die Forschung in der Regel. In der Neuedition der Etruskischen Texte 2014 wird der Spiegel daher unter „Veji“ gelistet (ET² Ve S.1) – mit dem Ergebnis, dass das Wiener Exemplar fälschlicherweise als bisher einziger beschrifteter Spiegel aus Veji erscheint.

Neueste Techniken digitaler Bilddokumentation

Neben der wissenschaftlich umfassenden Aufarbeitung der etruskischen Spiegel Österreichs in Hinblick auf Ikonographie, Stil, Typologie, Chronologie und Werkstatt liegt ein Hauptaugenmerk des Projekts auf der graphischen Darstellung der Objekte mit Hilfe neuester Techniken digitaler Bilddokumentation, wobei in enger Zusammenarbeit mit dem Computer Vision Lab (CVL) der TU Wien exakte Umzeichnungen aus 3D-Scans erstellt werden sollen. Dieses innovative Verfahren findet erstmals bei etruskischen Spiegeln Anwendung.

Parallel dazu wird die konventionelle photographische Dokumentation aller Spiegel durchgeführt. In einigen Fällen sind Micro-CT-Aufnahmen bestimmter Spiegel geplant, da dies bessere Ergebnisse als bei herkömmlichen Röntgenaufnahmen erwarten lässt. Die Aufnahmen sollen am Vienna Micro-CT Lab erstellt werden. Dies ist sinnvoll, da sich in dieser kleinen Gruppe repräsentative Spiegel von hoher Qualität und hohem Alter befinden − darunter der mehrfach behandelte Spiegel mit dem selten dargestellten Mythos von Idas, Marpessa und Apollon, der unter seiner schlechten Lesbarkeit leidet (Abb. 2). Zudem sollen Materialanalysen helfen, in der Gruppe der wahrscheinlichen Fälschungen etruskischer Spiegel mehr Sicherheit zu gewinnen.

Praenestinischer Griffspiegel, auf der Rückseite Darstellung eines Frauenkopfes ‒ Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv.-Nr. VI 1708. Foto: KHM-Museumsverband

Griffspiegel, auf der Rückseite Darstellung einer Figurengruppe bestehend aus drei männlichen und einer weiblichen Person ‒ Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv.-Nr. VI 4665. Foto: KHM-Museumsverband

Klappspiegel mit Reliefapplik, Darstellung eines Reiters ‒ Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Inv.-Nr. VI 4671. Foto: KHM-Museumsverband

Die systematische Erfassung und wissenschaftliche Bearbeitung sowie anschließende Publikation aller in öffentlichen Sammlungen Österreichs aufbewahrten antiken Spiegel aus etruskischer Produktion als Band ÖSTERREICH des CORPUS SPECULORUM ETRUSCORUM (CSE) schließen nicht nur eine wissenschaftliche Lücke in Hinblick auf die antike Spiegelforschung, sondern stellen einen wichtigen Beitrag zur Bereicherung unseres Wissens über die Kultur der Etrusker, insbesondere zur Kunstgeschichte, aber auch zu Religion und Mythos sowie zur Sozialgeschichte dar.